Neustart fürs Immunsystem: Stammzelltherapie stoppt Multiple Sklerose in neuer Studie

Dominik Hübenthal
Stammzelltherapie bei MS: Neue Studie zeigt hohe Wirksamkeit

Multiple Sklerose (MS) gilt als die „Krankheit der tausend Gesichter“ und stellt Betroffene wie Mediziner immer wieder vor große Herausforderungen. Doch ein Behandlungsansatz, der ursprünglich aus der Krebsmedizin stammt, liefert nun neue Hoffnung: Die sogenannte autologe hämatopoetische Stammzelltransplantation (aHSCT). Eine aktuelle deutsche Studie belegt jetzt eindrucksvoll, dass diese Therapieform bei einem breiten Spektrum von MS-Patienten die entzündliche Krankheitsaktivität drastisch reduzieren kann.

Das Immunsystem auf „Null“ setzen

Bei der Multiplen Sklerose greift das eigene Immunsystem fälschlicherweise das zentrale Nervensystem an und schädigt die Nervenbahnen. Die aHSCT zielt darauf ab, dieses fehlgeleitete System komplett neu zu starten – quasi ein „Reset“ für die körpereigene Abwehr. Der Prozess verläuft in mehreren Schritten:

  • Stammzellentnahme: Den Patienten werden körpereigene Blutstammzellen aus dem Blut entnommen und für die spätere Verwendung eingefroren.
  • Chemotherapie: Eine hochdosierte Chemotherapie zerstört anschließend das fehlerhaft programmierte Immunsystem.
  • Neuaufbau: Im letzten Schritt erhalten die Patienten ihre eigenen Stammzellen per Infusion zurück, damit sich ein neues, gesundes Immunsystem aufbauen kann.

Beeindruckende Ergebnisse im Praxisalltag

Bisherige Daten zur Wirksamkeit stammten oft aus streng kontrollierten klinischen Studien, die nur bedingt den medizinischen Alltag widerspiegeln. Die Forschungsgruppe um Prof. Dr. Christoph Heesen vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) hat die Methode nun in einem realen Behandlungsumfeld („Real World-Setting“) an einer vielschichtigen Patientengruppe untersucht.

Wie die Fachzeitschrift Journal of Neurology, Neurosurgery and Psychiatry berichtet, zeigten die behandelten Patienten nach der Transplantation eine anhaltende sogenannte NEDA-3-Stabilität sowie einen massiven Rückgang der Entzündungsprozesse.

Was bedeutet NEDA-3?

Der medizinische Fachbegriff NEDA steht für „No Evidence of Disease Activity“, also den fehlenden Nachweis jeglicher Krankheitsaktivität. Das Erreichen der Stufe 3 gilt als enormer Therapieerfolg und umfasst drei entscheidende Faktoren:

  • Keine neuen klinischen MS-Schübe
  • Keine messbare Zunahme der körperlichen Behinderung
  • Keine neuen oder aktiven Entzündungsherde in der Magnetresonanztomographie (MRT)

Hoffnung für schwere Krankheitsverläufe

Die deutliche Verringerung der Krankheitsaktivität ist ein Meilenstein in der neurologischen Forschung. Laut dem Forschungsteam des UKE bilden diese Ergebnisse eine essenzielle Grundlage, um die Stammzelltherapie künftig noch gezielter bewerten und bei ausgewählten Patientengruppen einsetzen zu können.

Gerade für Menschen mit hochaktiven und aggressiven Verläufen der Multiplen Sklerose, bei denen herkömmliche Medikamente und Antikörpertherapien nicht mehr ausreichend wirken, könnte dieser tiefgreifende Neustart des Immunsystems eine echte und langfristige Perspektive auf ein stabileres Leben bieten.

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