Neue MS-Studie: Ocrelizumab bremst Fortschreiten der Behinderung deutlich

Benedikt Hübenthal
Primär Progrediente MS: Ocrelizumab erhält Handfunktion | PflegeHelfer24

Für Menschen, die an der primär progredienten Multiplen Sklerose (PPMS) leiden, gibt es bislang nur sehr wenige Therapieoptionen. Eine aktuelle und breit angelegte Studie macht nun große Hoffnung: Der CD20-Antikörper Ocrelizumab kann das Fortschreiten der körperlichen Einschränkungen signifikant verlangsamen. Besonders bemerkenswert ist der positive Effekt auf die Erhaltung der Handfunktion – ein entscheidender Faktor für die Selbstständigkeit im Pflegealltag.

Die ORATORIO-HAND-Studie: Ein Meilenstein in der MS-Forschung

Die im renommierten Fachmagazin The Lancet veröffentlichten Ergebnisse der sogenannten ORATORIO-HAND-Studie liefern bahnbrechende Erkenntnisse. An der internationalen Phase-IIIb-Studie nahmen über 1.000 Patientinnen und Patienten aus 22 Ländern teil. Das zentrale Ergebnis: Die Behandlung mit Ocrelizumab senkte das Risiko einer fortschreitenden Behinderung im Vergleich zu einem Placebo um beachtliche 30 Prozent.

Erhalt der Handfunktion und Vermeidung des Rollstuhls

In der Pflege und im Alltag von MS-Betroffenen spielt die Funktion der Hände und Arme eine übergeordnete Rolle. Sie ist essenziell für die Nahrungsaufnahme, die Körperpflege und die Kommunikation. Laut den Studiendaten reduzierte die Antikörper-Therapie die Verschlechterung der Hand- und Armfunktion um 41 Prozent.

Darüber hinaus zeigte sich ein weiterer, für die Lebensqualität immens wichtiger Effekt: Bei den Patienten, die zu Beginn der Studie noch gehfähig waren, verringerte sich das Risiko, dauerhaft auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein, um 52 Prozent.

Therapieerfolg auch für ältere und schwerer betroffene Menschen

Die therapeutischen Möglichkeiten bei PPMS galten lange als stark limitiert, da diese Form der Multiplen Sklerose durch eine stetige Verschlechterung ohne klare Schübe gekennzeichnet ist. Ein großer Kritikpunkt an früheren Zulassungsstudien war der Ausschluss älterer oder bereits stärker eingeschränkter Personen.

Die aktuelle ORATORIO-HAND-Studie schloss ganz bewusst auch Betroffene bis zum Alter von 65 Jahren sowie Menschen mit einer moderaten bis schweren neurologischen Behinderung ein. Wie die Forschenden der Queen Mary University of London, die maßgeblich an der Studie beteiligt waren, betonen, profitieren auch diese Patientengruppen deutlich von der Behandlung. Dies beendet eine langjährige wissenschaftliche Debatte darüber, ob das Medikament auch in fortgeschrittenen Krankheitsstadien noch wirksam ist.

Wie wirkt Ocrelizumab?

Ocrelizumab ist ein sogenannter monoklonaler Antikörper, der gezielt an bestimmte weiße Blutkörperchen (B-Zellen) andockt, die das CD20-Merkmal tragen. Bei Multipler Sklerose greifen diese Zellen fälschlicherweise das zentrale Nervensystem an. Durch die Therapie werden diese B-Zellen reduziert, was den Entzündungsprozess im Körper eindämmt.

Besonders stark war der Effekt bei Patienten, deren Magnetresonanztomographie (MRT) zu Beginn der Behandlung noch aktive Entzündungsherde zeigte. In dieser Gruppe sank das Risiko für ein Fortschreiten der Behinderung sogar um 55 Prozent.

Ein Lichtblick für die Pflege

Für Pflegekräfte und Angehörige sind diese Ergebnisse ein starkes Signal. Jedes Jahr, in dem die Handfunktion erhalten bleibt und die Rollstuhlpflicht hinausgezögert wird, bedeutet für die Betroffenen ein Höchstmaß an Lebensqualität, Würde und Eigenständigkeit im Alltag.

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